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Vorwort zur Ausstellung

Die Bedeutsamkeit des Formlosen


Zu Beginn der 1950er Jahre widmeten sich zahlreiche Maler der abstrakt-expressionistischen Kunst, einer ungegenständlichen Bilddarstellung, die nicht mehr oder noch nicht Form war. Die Werke von Thomas Wunsch beziehen sich auf dieses Thema, bleiben ihm aber nicht starr verhaftet, sondern entwickeln eine ganz eigene Bildsprache.

Im Bereich der Fotografie ist eine abstrakt-expressionistische Bildgebung außergewöhnlich und auch artfremd. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Mehrzahl der Fotografen einer Bilderzeugung zuwenden, die Gegenständliches zum Thema hat. Es geht ihnen darum, den Zustand von Objekten zu einem bestimmten Zeitpunkt zu dokumentieren und so ihre Bildaussage zu formulieren. Wenn dort also der Bezug auf den konkreten Gegenstand für die Fotografie weitgehend bestimmend ist und das narrative Element einen hohen Stellenwert hat, so ist die künstlerische Position von Thomas Wunsch eher singulär. Seine Fotos, die abstrakt-expressionistische Strukturen zeigen, sind ein Vorstoß in das Reich der Gestik, das zuvor dem Medium der Malerei vorbehalten war. Sie sind ein Geflecht aus Farbflüssen, Passagen, Übergängen und Verzahnungen wider den klassischen fotografischen Themenkanon und formulieren eine Neudefinition des Mediums der Fotografie. Ebenso tragen sie zur Diskussion darüber bei, was Fotografie darf und soll.

Zugleich kommen die Fotoarbeiten von Thomas Wunsch so leichthändig und hingehaucht daher, dass sie den Eindruck erwecken können, sie seien wie nebenbei entstanden. Bei ihnen finden wir Strukturen, die viel Interpretationsspielraum lassen und eine eigene Welt formen. Lässt man sich auf diese Bilder ein, gelangt man in einen Bereich des Vagen, alles verschwimmt und verliert seine Identität, ein Ort nahe dem Nichts, des Unbestimmbaren und des Dunklen. Das liegt zum einen an ihrer formalen Strenge, zum anderen aber auch an den Schatten, Brüchen und Verwischungen, die diesen Werken innewohnen. Wir erkennen in diesen Fotografien vielleicht Aspekte von eigenen Beobachtungen oder Traumfragmenten. Durch die verschwimmenden Konturen, den fehlenden Bezugsrahmen und durch das Schattenspiel der Lichteffekte wird der Betrachter in einen Bereich hineingezogen, den er nicht mehr fassen und definieren kann. Wie bei Traumsequenzen bilden sich Silhouetten am gedachten Horizont, watteweiche Tiefen lassen den Betrachter versinken, und zwar im Bild, aber auch in seinen eigenen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen. So sind diese Fotografien wie ein Kurztraum am Tage, somnambule Motive, die nur noch durch transzendierendes Denken erfassbar sind und dabei von reinen Abbildungen zu Zeichen werden, die Tiefes und Übersinnliches indizieren.

Thomas Wunsch beweist, dass Transparenz, Raum, Inspiration und Ausdehnung ihren Niederschlag nicht zwangsläufig in gegenständlichen Fotografien finden müssen. Der Künstler bezieht sich in seinem Werk auf das Mystische, das in den Dingen steckt, und das er erst herausarbeitet, damit es dann vom Betrachter herausgelesen werden kann. Es kommt also bei seinen Arbeiten ein Aspekt zum Tragen, den man bei gegenständlichen Bildern nicht sieht, nicht sehen kann. Deshalb lohnt es, sich lange in die Werke zu vertiefen.

Unabhängig von vorgefundenen oder inszenierten Realsituationen steht in diesen Arbeiten der individuelle, abstrahierende Blick des Künstlers im Vordergrund. Wenn für Thomas Wunsch vor allen Dingen das Angehen gegen eine motivisch gebundene Bildwelt wichtig ist und Hand in Hand mit dem Verzicht auf dokumentarische Abbildhaftigkeit geht, so ist das nichts anderes als seine Suche nach einer anderen Wahrheit. Hinter den Werken des Künstlers steckt der Drang nach dem Erkunden eines neuen Wirklichkeitsbegriffs, der sich einer Gefälligkeit verströmenden Kunst entgegenstellt, in dem er die Verlagerung des Interesses von einer statisch-bildnerischen Darstellung zu einer energetisch-dynamischen Bildwelt befördert. Für Thomas Wunsch sind abstrakt-expressionistische Kunstwerke eine Radikalisierung, geknüpft an Findungen, die zugleich Seismograph subjektiver Innerlichkeit und Modellfall flukturierender Strukturen sein können. Der Bildträger wird in seinen Fotografien zur Arena eines Ausdrucksgeschehens, das nicht mehr illustrierend darstellt, sondern als Ablauf und Energie wahrgenommen wird.

Diese Herangehensweise gründet weder auf traditionellen Kompositionsschemata noch auf einer zuvor erarbeiteten Konzeption des Bildnerischen. Stattdessen zieht sie sich neben der Form als Hauptwert auch Subjektivität, Aktualität, Spontaneität und Zufall als gleichrangige Gestaltungspartner heran. Mit dem radikalen Zweifel an jegliche Verlässlichkeit wird die Erfahrung des Bruchhaften reflektiert und die Brüchigkeit von Wirklichkeit und Welt thematisiert. Geknüpft an individuelle Freiheit und verstanden als Suche nach dem Inneren der eigenen und der fremden Natur, zeigen diese Fotografien, dass die Ästhetik des Atmosphärischen mit visuellen Metaphern denk- und machbar ist, aber nie ohne die Sehnsucht nach dem Wesentlichen.

© Susanne Kiessling