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Vorwort zur Ausstellung

Das Augenmerk auf zeitgenössische chinesische Kunst ist in den letzten zwei Jahrzehnten im globalen Kontext stark gewachsen. China ist im Wandel und seit den 1990er Jahren durchlebt das Land eine rasante urbane, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Das spiegelt sich auch in der derzeitigen starken Präsenz chinesischer Kunst im internationalen Ausstellungs- und Messegeschehen wider. Die Inhalte dieser Kunst lassen ein Spannungsfeld von kulturgeschichtlicher Tradition bis zu zeitgeistigen Innovationen erkennen.
 In diesem Jahr wird das chinesische Kulturjahr in Deutschland gefeiert. Auch die SAP engagiert sich verstärkt im chinesischen Markt. Damit  gibt es zwei sehr gute Gründe, eine Kunstschau mit diesem Fokus ins Leben zu rufen. Die SAP Kunstausstellung „Young Chinese Art“ zeigt aktuelle Strömungen zeitgenössischer Kunst von vier in China und vier in Europa lebenden und arbeitenden jungen Künstlern. Diese beiden Kunstperspektiven aus Ost und West werfen die Frage auf, wie viel China und wie viel Europa in der Themenauswahl der Künstler, den angewandten Techniken oder auch den eingesetzten Materialien stecken. Sind die Inlandkünstler stärker an intrakulturellen Themen und ihre im Ausland lebenden Kollegen an interkulturellen Themen interessiert? Der Dialog in der Ausstellung wird über diese Grenzen hinweg geführt, zeigt landeseigene Traditionen verbunden mit europäischen Einflüssen und die in der Gegenwart liegenden Themen beider Kulturen. Die Tuschemalerei wird beispielweise mit moderner Technik kombiniert oder eine buddhistische Gottheit erhält die Gesichtszüge von Disney-Figuren. Im Raum bleibt die Frage nach der künstlerischen Identität.
Die SAP AG engagiert sich seit ihrer Gründung im Jahr 1972 im Bereich der Kunst und besitzt eine Firmensammlung zeitgenössischer Kunst. Seit 20 Jahren organisiert sie an ihrem Hauptsitz in Walldorf regelmäßig stattfindende Ausstellungen, und gibt sowohl international renommierten als auch jungen vielversprechenden Künstlern eine Plattform.
Die aktuelle SAP Kunstausstellung „Young Chinese Art“ die vom 26.10.2012 bis zum 30.03.2013 bei SAP in Walldorf, Deutschland, gezeigt wird, ist in Kooperation mit der Galerie Schillerstrasse in Heidelberg, Deutschland, entstanden.
Unser großer Dank geht an die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Zudem danken wir sehr herzlich dem Kunsthistoriker Dr. Zhao Zhou und der Galeristin Li Huaxin für die erfolgreiche Zusammenarbeit.

© Alexandra Cozgarea
Art Curator     
SAP AG


Künstlerische Kreativität im Zeichen der Globalisierung

"Besitzt du einen wahren Freund innerhalb der Grenzen der vier Meere, wisse, du wirst dich ihm nahe fühlen, selbst wenn du dich am anderen Ende der Welt befindest.“ Mit jenen Worten nimmt das lyrische Ich in der Dichtung des chinesischen Lyrikers der Tang-Dynastie Wang Bo (650-675) Abschied von einem ihm ans Herz gewachsenen Freund. In Zeiten der Globalisierung beginnt die Bedeutung dieses antiken Spruchs zu schillern, wird zugleich zu einer digitalen Tatsache: Mithilfe modernster Kommunikationsmedien können wir mit Freunden aus aller Welt jederzeit unmittelbar in den virtuellen Kontakt treten, uns über das austauschen, was wir sehen, hören und denken. Die räumliche Distanz scheint medial überwunden. Einander nahe sein, „selbst wenn du dich am anderen Ende der Erde befindest“, das gilt im Zeitalter sozialer Netzwerke und Communities nicht mehr nur für Menschen, die sich tief im Herzen miteinander verbunden fühlen, es ist eine Realität mit hohem wirtschaftlichem Potential geworden.
  Doch ist die Erde nicht nur auf dem Gebiet der Kommunikation zu einem globalen Dorf zusammengeschrumpft. In ihren Handelsbeziehungen sind die einzelnen Volkswirtschaften längst eng zusammengewachsen und miteinander verflochten. Politik und Militär funktionieren nur noch in Kooperationssystemen von Alliierten, die sich miteinander verbünden und Abkommen schließen. Und die Kultur streckt ihre Fühler aus, präsentiert sich wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling und wird in Musik, Literatur und Bildender Kunst interaktiv. Das Unternehmen SAP, das Innovationskraft und das Dienstleistungssegment fördert, hat sich stets für die Öffnung des Gewerbes auf den Welthandel hin eingesetzt und für größere Öffentlichkeitsräume geworben. Gleichzeitig profitiert es viel von der Globalisierung, so dass das Unternehmen weltweit auf allen fünf Kontinenten vertreten ist. SAP besitzt in der IT-Branche Deutschlands und der Welt Vorbildfunktion und hat zu der Modernisierung Chinas viel beigetragen.
  China, mit seiner über 5000 Jahre alten Geschichte, hat sich in den letzten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts mit zunehmendem Tempo in die beständig anwachsende Weltwirtschaftsgemeinschaft integriert. Gleichzeitig suchen chinesische Kulturschaffende auf allen Gebieten der Kunst, ihre über Jahrtausende tradierte Symbol- und Formsprache in der Auseinandersetzung mit den Ausdrucksformen der westlichen Welt weiterzuentwickeln und neue, eigenständige Wege zu gehen. Mancher Künstler der jüngeren Generation bleibt in China und grast dort die Wege der zeitgenössischen chinesischen Kunst ab. Mancher kommt allein in den Westen und bedenkt, fern von der Heimat, in gänzlich andere Zusammenhänge gestellt, die Verhältnisse zwischen Tradition und Moderne, Individuum und Gesellschaft. Anders als in der Vergangenheit operieren Künstler heute jedoch nicht mehr in einem beschränkten gesellschaftlichen Raum; die Interaktion der Kulturen findet heute in demselben Maße statt, wie der digitale Informationsstrom von Ost nach West und von Nord nach Süd fließt. So verfügen zumal Künstler an beiden Enden des eurasischen Kontinents theoretisch über die gleichen Möglichkeiten, sich mit „Welt“ auseinanderzusetzen. Und vor der Bühne, auf der sie ihr Talent zeigen, sitzen heute, so möchte man meinen, Zuschauer von überall auf der Erde.
  Gleichzeitig stellen sich den zeitgenössischen Künstlern auch neue Herausforderungen: Auf welche Weise sollen sie ihr Schaffen nun präsentieren, welche Sprache verwenden, so dass sich ihr Wirkungsradius möglichst erhöht? Was macht den spezifischen Charakter ihrer Kunst aus, gibt es Themen, die alle Menschen gleichermaßen angehen oder interessieren, Themen und gemeinsame Werte? Die SAP AG bietet chinesischen Künstlern, die denkbar weit voneinander entfernt wohnen, einander hinwiederum in ihrem Schaffen auch wieder nahe sind, die Möglichkeit, sich im Rahmen der  „Young Chinese Art/SAP Kunstausstellung“ im Internationalen Schulungszentrum zusammenzufinden. Ein Teil der acht jungen chinesischen Künstler wohnt in China, ein anderer Teil kam nach dem Studium in China nach Europa, um seine Studien hier weiter fortzusetzen. Manche der ausgestellten Künstler sind beständig zwischen den Kontinenten China und Europa unterwegs. Eine alle acht Künstler miteinander verbindende Gemeinsamkeit ist ihre Unzufriedenheit mit der derzeit im Mainstream produzierten Form chinesischer Kunst. Ihr Bestreben ist es, eine eigene überzeugende Kunstsprache zu entwickeln. In der Exposition „Young Chinese Art“ treten die vorgestellten acht Künstlern in einen Dialog miteinander und loten mit ihren unterschiedlichen Stimmen in einer Sprache der Kreativität, die man nicht übersetzen muss, die Verhältnisse zwischen Kunst und Kultur in der Heimat und der Fremde aus.
  Die vorgestellten Werke von Lan Jiny weisen die majestätische Dynamik und weit angelegte Räumlichkeit weiblicher chinesischer Künstler auf. Ihre Werke sind stark von der Nachkriegsmalerei Deutschlands beeinflusst. In den tiefen Raumdarstellungen der Bilder spiegeln sich die Gedanken und Überlegungen der Künstlerin über Gesellschaft, Geschichte und Leben wider.
  Der kurze und bündige Pinselstrich von Liu Xue wirkt auf den ersten Blick unbeschwert und leicht zugänglich, zitiert und kombiniert jedoch chinesische Motive und Gemälde des deutschen Expressionismus. Beeinflusst ist dieses Verfahren möglicherweise durch seine bühnentechnische Ausbildung. Die Figuren von Liu Xue weisen eine besondere plakative Attraktivität auf, die voller Humor steckt. Der Ausdruck erscheint radikal verstärkt.
  In den bunten Bildern von Li Pei zeichnet sich eine Art surrealistische Einsamkeit und Traurigkeit ab. Ihre rustikalen Eisenspielzeuge symbolisieren die nie zurückkommende Kindheit und ein gewissermaßen sentimentales Verlangen nach Vergangenheit. Das bunte Glück ihrer Malerei bleibt stets durchbrochen von einem Hauch von Melancholie und die dargestellten eleganten Frauen, die gleichwohl zu Schaufensterpuppen degradiert erscheinen, vermitteln Reflexionen von feministischer Ausdruckskraft.
  Ihr Interesse an Licht und Raum dominiert die Installationen von Li Jing. Realer Raum und phantastische Einbildung geraten im Spiel des Lichts mit der Örtlichkeit ins Oszillieren. Unter der Oberfläche scheinen so die philosophischen Gedanken der Künstlerin auf. Nie hat Li aufgehört, den ästhetischen Wert von Kunst kritisch zu hinterfragen. Die von ihr verwandten Materialien, die zunächst überhaupt nicht bezogen auf Bildende Kunst erscheinen, werden im Medium ihrer Installationen mit neuer ästhetischer und kultureller Bedeutung ausgestattet.
  Yu Xingze, der sowohl in China als auch in Deutschland aktiv ist, gibt den Werken von Li Pei die Antwort eines großen Jungen. Aus der Wiederentdeckung seiner Erinnerungen deutet er seine Umgebung und sein Zeitalter neu. Er schafft eine neue optische Form, indem er den Gegenstandsrealismus in neue Formen überführt und transparente Leinwände aufeinanderstapelt. In der sensiblen Kombination oder Verschmelzung von chinesischer und deutscher Kultur bei gleichzeitiger rationaler Anerkennung derselben liegt die soziale und kulturelle Bedeutung der „Spielzeuge“.
  Lu Dadong beherrscht die höchste der klassischen Künste Chinas – die Kalligraphie. Ausgehend von der Ästhetik der tradierten Zeichen ermöglicht der Künstler dem Betrachter über die Anverwandlung derselben hin zu lebendigen Symbolen eine mehrschichtige Erfahrung chinesischer Schriftzeichen. Die chinesische Kunst der Kalligraphie beschränkt sich bei ihm nicht nur auf das Resultat des Schreibens, sondern wird erfahrbar in umfassenden Performances, Aktionen und Videos.
  Die ausgestellten Werke von Gade bringen dem Betrachter eine Sorge vom Dach der Welt nahe, die ihre Berechtigung in Zeiten der Globalisierung womöglich mehr denn je hat: Die Sorge, dass Kunst und Kultur in der Moderne untergehen möchten. Die Serie „New Idol“ von Gade beruht auf einer Identitätskrise des Künstlers. Der traditionell in den tibetanischen Künsten dargestellte Götterkanon des tantrischen Buddhismus wird rekonstruiert oder vielmehr neu konzipiert; an seiner Statt entsteht eine neue Götterordnung. Sie verdeutlicht nicht nur den Verlust religiöser Überzeugungen, sondern auch die Illusion eines neuen Glaubens, der sich mit seiner gähnenden Leere im Herzen der kommerzialisierten Welt breit macht.
  Die Werke von Xi Danni zeigen die Verwirrung und die befremdenden Dilemmata von Individuen in einer zunehmend lauten und an materiellen Gütern sich ausrichtenden Gesellschaft Chinas aus der Sicht der Künstlerin. Mit vereinzelten Pinselstrichen und Scherenschnitten umreißt die Künstlerin verschiedene Ecken und Ebenen der modernen Gesellschaft: aufblühende aber verwahrloste Stadtszenen, stolze, aber ziellose Figuren, zwischen Bedeutung und Bedeutungslosigkeit schwankende Rätsel.
  Alle acht jungen chinesischen Künstler, gleichgültig, ob sie in China oder in Europa leben, reagieren im Rahmen ihrer Kunst direkt oder indirekt auf die Globalisierung. So stark ihre Werke in Inhalt, Medium, Form des Ausdrucks, eingebrachten persönlichen Erfahrungen oder anverwandelter traditioneller Kunst auch voneinander differieren mögen, so sehr müssen die Werke dieser Künstler eher als eine Frage betrachtet werden, denn als eine Antwort: Wie kann Originalität und Kreativität vor dem Hintergrund der Globalisierung heute noch aufrechterhalten werden? Solchen Fragen geht auch die SAP in ihrem stetigen Innovationsstreben nach. Mögen Kunst und Unternehmen beide von der Ausstellung „Young Chinese Art“ profitieren und anregende Inspirationen erfahren, um den gemeinsamen Goldschlüssel zu finden: Die Kreativität.

© Dr. Zhao Zhou
Heidelberger Akademie der Wissenschaften

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